Sophie lebt in Hamburg, ist 35 Jahre alt, Werbeberaterin und Tiny House Fan. Wenn Sophie nicht gerade von den Bergen in ihrer Heimat Bayern träumt, geht sie laufen, bouldern oder ne Runde an der Alster spazieren. 2017 hatte sie die Idee sich selbst und Städtern mehr Abwechslung vom Alltag zu gönnen. Im Jahr darauf hat sie deshalb Tiny Escape gegründet und ihr erstes stylisches Tiny-Gäste-Haus am Rande Hamburgs platziert.

1. Mit welcher Idee hast du dich selbstständig gemacht und was war deine Motivation? 

Vor zwei Jahren wurde bei mir das Bedürfnis raus aus der Stadt zu kommen, mal Luft zu holen und alleine mit der Natur sein zu können immer stärker. Deshalb habe ich nach Möglichkeiten gesucht schnell mal raus zu kommen. 

Ferienwohnungen am Land finde ich aber äußerst unattraktiv und Hotels, Hostels und Camping bedeuten für mich auch wieder nicht alleine sein zu können. Ich wollte mich nicht am Wochenende in einen schlechten Abklatsch meiner eigenen Wohnung einquartieren. Was also tun?, habe ich mich gefragt und dann bin ich auf die Tiny Häuser gestoßen, welche gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Minimalismus auf Probe für meine Gäste und die Nähe zur Natur, ohne auf Komfort verzichten zu müssen.

Angetrieben hat mich in der Zeit die Überzeugung, dass ich mit meinen Bedürfnissen nicht alleine bin. Ich wollte es schaffen im Leben von Menschen und sei es nur für wenige Tage einen Unterschied zu machen. Denn das Haus bringt nicht nur Entspannung, sondern auch bei einigen ein Umdenken. Die Erkenntnis vieler meiner Gäste ist, dass die 15m2 zum Leben völlig ausreichen und die Reduktion auf’s Wesentliche gut tut! Das macht mich dann sehr stolz und gibt mir Motivation weiter zu machen.

2. Hast du auf Risiko oder Sicherheit gesetzt – also gleich Vollzeit oder zuerst Nebenerwerb? 

Ich betreibe TinyEscape im Prinzip im Nebenerwerb. Mein Hauptberuf, der auch das Geld zum Leben einbringt, ist meine freiberufliche Tätigkeit als Werbeberaterin. 

Alle Einkünfte die ich mit TinyEscape erziele gehen 1:1 in die Weiterentwicklung des Projekts und ich denke so wird es auch noch für ein bis zwei Jahre sein. 

Tatsächlich möchte ich auch meinen Hauptberuf, für den ich fast 10 Jahre an Ausbildung investiert habe, nicht aufgeben. Angefangen mit einer Ausbildung zur Mediengestalterin, über mein Bacherlor Studium zur Mediendesignerin und schließlich der Master mit Schwerpunkt Medienmanagement. Es macht mir sehr viel Spaß Firmen zu helfen die richtigen Dinge über die richtigen Medien an deren Zielgruppe zu kommunizieren. Außerdem organisiere ich sehr gerne Projekte von Grund auf – was ist das Problem?, Was könnte eine interessante Lösung sein?, Arbeiten wir am richtigen Problem?. Diese Gedanken fließen in meiner Arbeit für Werbeagenturen genauso ein, wie bei meinem eigenen kleinesn StartUp. 

Ich kann nur jedem empfehlen erstmal im Nebenerwerb zu gründen und sich nicht gleich finanziell auf das eigene noch wachsende Business zu stützen. Viele Entscheidungen hätte ich verkrampfter und eventuell anders getroffen und ich denke es fällt auch einfacher mal zu sagen ich mach’s so wie es meiner Vision am meisten entspricht, auch wenn’s weniger Geld einbringt.

3. Wie sieht deine Morgenroutine aus? 

Tatsächlich verändert sich meine Routine im Laufe des Jahres ein wenig. Eine sehr wichtige Erkenntnis für mich war es, nicht auf Biegen und Brechen immer die gleiche Routine bei zu behalten. Gerade als Freelancerin bin ich oft sehr frei in meinen Arbeitszeiten, da möchte ich dann nicht um 6:30 Uhr den Wecker stellen, wenn ich weiß, dass ich erst um 11 meinen ersten Termin habe. Aber das Wort sagt es schon „Routine“, eine gewisse Regelmäßigkeit habe und brauche ich gerade weil mein Alltag nicht aus dem klassischen 9 to 5 besteht.

Was Sommer als auch Winter immer gleich ist: 
Anziehen, im Sommer 2x die Woche joggen, Tee + Journaling 10 Min (die Fragen variieren, viel Dankbarkeit, aber inzwischen auch sowas wie „Was brauche ich, um heute glücklich zu sein?“ oder „Wonach fühle ich mich heute gar nicht?“), Meditieren (mit Headspace) 5-10 Min., für TinyEscape Mails checken und abarbeiten und dann in die Agentur (und dort frühstücken) oder zu einem Termin.

4. Was wolltest du als Kind werden? 

Ich bin auf dem Land groß geworden und hatte schon immer einen besonderen Bezug zur Natur, draußen sein, alle Witterungen spüren und sich bewegen können. Damals war der naheliegendste Beruf daher Bäuerin. Tatsächlich kann ich mir das inzwischen wieder gut vorstellen – nur die 7 Tage Woche und das angebunden sein liegt mir nicht ganz, dafür bin ich einfach viel zu gern unterwegs.

5. Wer oder was motiviert dich? 

Als erstes fällt mir interessanterweise ein, was mich nicht motiviert: Das Ziel bzw. meine Vision. Ich lese das immer wieder und halte das visualisieren total sinnvoll und nehme mir immer wieder vor, mir vorzustellen wie es mal sein wird, wenn nur das und das Problem noch gelöst wird. Aber in der Praxis mach ich es nicht. 

Mich treibt das Ziel an jeden Tag die guten wie die schlechten Phasen, so gut es geht, hinzunehmen und bestenfalls sogar zu genießen. Da hab ich so einen richtigen Ehrgeiz entwickelt. Klappt mal besser, mal weniger, aber ich hab ja auch noch ein paar Jahre zum üben hoffe ich.

Und was mich natürlich antreibt ist gutes Feedback und glückliche Kunden und Gäste zu haben. 

Erfüllend und motivierend ist es für mich auch neue Kontakte zu knüpfen und festzustellen, dass meine Tätigkeit anderen gut tut und ebenso Motivation stiftet.

6. Auf was könntest du nicht verzichten? 

Meinen Partner, gutes (veganes) Essen, Musik und Sport. Und natürlich in regelmäßigen Abständen in den Bergen zu sein. Ich brauche außerdem viel Zeit für mich zum Computerspielen, Lesen oder einfach nur Rumlungern und über’s Leben nachdenken.

7. Was bringt dich auf die Palme? 

Komischerweise nicht die großen Dinge, wie in kürzester Zeit einen neuen Standort für mein Haus finden zu müssen, oder dass mal was kaputt geht am Haus, sondern eher wenn Leute nicht richtig zuhören und/oder ineffizient kommunizieren. 

Das kann dann mal ein Geschäftspartner sein, oder ne Freundin. Da fehlt mir dann oft die Geduld. Aber ich werde immer besser darin zu verstehen, dass mein Ärger eigentlich nur ein Hinweis ist, dass mir das Thema gerade verdammt wichtig ist und ich (noch) nicht weiß wie ich es löse und daher das Thema jetzt Aufmerksamkeit benötigt. Dann fällt es mir oft leichter einen Konflikt zu lösen.

Und rückwärts arbeitende Politik und Menschen die solche unterstützen und Sexismus bringen mich auch auf die Palme 😉 
Vor allem Sexismus begegnet mir leider täglich, aber ich werde nicht müde darauf hinzuweisen in der Hoffnung, dass die Person (oder auch mal ich!) es beim nächsten mal besser macht.

8. Was war die größte Herausforderung auf deinem Weg? 

Puh, wo soll ich anfangen 🙂 Spontan: Platz 1: Der Hausbau, Platz 2: Die Standortsuche Platz 3: ständige Erreichbarkeit

Platz 1: 
Mein erstes Tiny Haus bauen zu lassen führte mich in Bereiche über die ich zuvor noch nie so richtig nachdachte. Waschbecken, Bodenbelag, Fensterfarbe etc. Jeden Tag kamen während des Baus neue Fragen auf. Die Kommunikation mit meinem Hersteller war dann so in etwa wie unter „Was bringt dich auf die Palme“ beschrieben. Das waren ein paar sehr angespannte Monate für mich, aus denen ich aber auch viel über mich gelernt habe. Und über’s Hausbauen 😉

Platz 2: 
Die Standortsuche für ein Tiny House ist zwar auch nicht unmenschlich schwer, aber für ein Tiny-Gäste-Haus und meinem Anspruch den Menschen dort wirklich ungestört eine Auszeit zu bieten schon. 
Auch dass ich nicht selber vor Ort sein kann und die entsprechende „Logistik“ also Housekeeper etc. vor Ort haben muss, tragen nicht zur Auswahl an Standorten bei. Das war und ist derzeit wieder sehr fordernd. Aber auch hier habe ich sehr viel gelernt, nicht nur über’s Baurecht, sondern auch über Land und Leute und sehr spannende Menschen kennenlernen dürfen.

Platz 3: Eine Gäste-Haus-Vermietung bringt natürlich mit sich für die Gäste erreichbar zu sein: Jederzeit (Zumindest ist das mein Anspruch).
Es gibt Wochen, da stecke ich das besser weg und Wochen, da bin ich dadurch angespannt. Auch hier: Mit der Zeit werde ich immer entspannter und nachdem auch irgendwann mal alles passiert ist, vom Stromausfall bis zur kaputten Wasserpumpe oder einem Hundebiss, kann mich nicht mehr viel aus der Ruhe bringen. 

9. Was rätst du anderen, die sich selbstständig machen wollen? 

Lasst euch nicht aufhalten! Wenn ihr das Gefühl habt, ihr habt was gefunden das euch gut tut, dann geht dem nach. 
Auch wenn vielleicht bei der Prognose der Rendite jede Kauffrau/Kaufmann erstmal die Nase rümpft – ich bin fest davon überzeugt, wenn man etwas mit Liebe und Hingabe tut, wird man damit auch irgendwann Geld verdienen. 
Man sollte sich aber auch nichts vormachen, denn so ein Projekt nimmt auch viel von einem, man wird sich verändern und sollte Familie, Partner, Freunde auf den Weg mitnehmen, denn ohne deren Rückhalt wird’s schwer. 

Also: go for it!

10. Wo siehst du dich in 5 Jahren, wie geht es weiter bei dir? 

Ich plane zwar gerne, aber was ich mit 40 mache.. da will ich mich von mir selbst überraschen lassen. Es gibt keine Vision von mir mit 40 auf die ich zuarbeite. Vielmehr will ich die Zeit bis dahin freudvoll und zufrieden verbringen und mich so gut es geht mit den Schwierigkeiten des Lebens abfinden. Wenn ich das schaffe ist es mir eigentlich egal was wo und wie ich mit 40 bin. 

Was TinyEscape betrifft möchte ich so vielen Städtern wie möglich diese besondere Form der Auszeit ermöglichen, wenn es in 5 Jahren 5 sind, bin ich happy und wenn es doppelt so viele sind auch – Hauptsache alles ist handelbar und ich hab noch Spaß an der Sache.

11. Ein typischer Sophie-Satz: 

„Des geht si scho aus“ – Bayerisch/Österreichisch für: Das wird schon funktionieren/klappen. 

Dahinter steckt die Idee, dass die meisten Probleme und Befürchtungen sich eh nicht bewahrheiten. Ich sag mir dann, dass das schon alles hin hauen wird (irgendwie) und mach mir einen Plan wie ich das Gelingen ermögliche.

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